Information

Information in English

Rassismus äußert sich in verschiedenster Gestalt und mit zunehmender Intensität, nicht immer in offener Ausgrenzung oder Gewalt, sondern auch in gesamtgesellschaftlich akzeptierter Form und in latentem Alltagsrassismus. Im gesellschaftlichen und politischen Diskurs werden diese Missstände zu selten thematisiert, und das Ziel der Initiative festival contre le racisme Heidelberg ist es, einen Beitrag zur Aufarbeitung dieser Versäumnisse zu leisten.

Dieses Jahr liegt unser Fokus auf Islamophobie und Rassismus gegen Muslim*innen in Deutschland und weltweit. Vorträge, Diskussionen, Workshops und Filmvorführungen sollen aufklären und Betroffene sprechen lassen. Gleichzeitig wollen wir muslimisches Leben in Deutschland feiern, mit Musik, Poesie, Gesang, Speisen und Tanz. Auftakt bildet ein multikulturelles Potluck auf der Neckarwiese.

Im eigenen Land fremdgemacht

 In den 60ern und 70ern brachten türkische Gastarbeitende nicht nur ihr Streben nach einer besseren Zukunft, sondern auch ihren Glauben mit. Heute ist die deutsch-muslimische Community sowohl in ihrer Praxis als auch in ihrem Alltag sehr vielfältig und bunt. Der Gang in die Moschee oder das Fasten im Ramadan gehören heute für viele Deutsche zu ihrem Lebensalltag. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge leben etwa 4,5 Millionen Muslim*innen in Deutschland (Stand: 2015).

In einer Rede zum Tag der deutschen Einheit erklärte der damalige Bundespräsident Christian Wulff, dass der Islam, wie das Christentum und das Judentum, zu Deutschland gehöre. Es folgte eine Debatte, die zeigte, dass viele nicht so denken. Deutschsein bedeutet für viele christlich und weiß zu sein.

Das zeigt sich auch bei der Berichterstattung von Gewalt gegen People of Colour oder die jüdische Gemeinde – etwa nach den gewalttätigen Ausschreitungen vergangenen Jahres in Chemnitz. So war dort meist die Rede von „Fremdenfeindlichkeit“ und Angriffen auf „Ausländer“.

Es wird sich geziert, das Problem als das zu benennen, was es ist: Rassismus. Denn den Rassist*innen in Chemnitz war es egal, ob die, die sie angriffen, in Deutschland aufgewachsen sind, hier ihren Lebensmittelpunkt haben oder die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Nur das Aussehen, das nicht-weiß-Sein spielte einer Rolle. Die Rassenideologie, wie sie unter den Nazis propagiert wurde, wird weitergetragen.

Doch nicht nur Rechtsextreme und Neo-Nazis beschäftigt die Frage nach der Herkunft ihrer Mitmenschen. Unter den Hashtags #metwo und #vonhier berichteten viele Menschen, wie sie immer wieder aufgrund ihres Aussehens gefragt werden, wo sie herkommen. Und wie ihnen nicht geglaubt wird, wenn sie sagen „von hier“. „Sie sprechen aber gut Deutsch“, heißt es an der Supermarktkasse. Die Aussage impliziert: Du gehörst nicht hier her.

Auch bei der Jobsuche werden Menschen mit „ausländischen“ Namen diskriminiert. Und am Flughafen, am Bahnhof oder am Bismarckplatz werden People of Colour öfter verdachtsunabhängig kontrolliert.

Unter Generalverdacht

Die Praxis des racial profiling zeigt, wie festverwurzelt Vorurteile sind. Der Islam wird gleichgesetzt mit islamistischem Terror. Für das Fehlverhalten einzelner wird die weltweite, friedliche muslimische Gemeinschaft zur Rechenschaft gezogen. Und nicht-muslimische People of Colour gleich mit, denn auch hier findet oft eine Verwechslung statt.

Auch unter dem Deckmantel des gesellschaftlichen Fortschritts werden antimuslimische Vorurteile reproduziert: So gibt es weiße Feminist*innen die denken, sie müssten muslimische Frauen vom Kopftuch befreien – selbst, wenn die Entscheidung für das Tragen selbst getroffen wurde. Es gibt viel Falschinformation und Unwissenheit. Das zeigte sich auch bei der sogenannten Burka-Debatte der letzten Jahre. Denn bei dem Gewand, das kritisiert wurde, handelte es sich meist gar nicht um eine Burka – sondern um einen Nikab.

Die AfD versuchte 2016 in Berlin schwule Wähler für sich zu gewinnen, in dem sie alle Muslim*innen als homophob darstellte. Und wenn Geflüchtete sich frauenfeindlich oder antisemitisch äußern, wird dies oft auf ein Fehlen westlicher Grundwerte zurückgeführt. Es wird so getan, als hätten wir in Deutschland diese Probleme längst überwunden. Dabei ziehen sich Sexismus und Antisemitismus durch die ganze Gesellschaft.

Das festival contre le racisme in Heidelberg

Wer sich Sündenböcke schafft, gibt aber die eigene Verantwortung ab. Dass Rassismus ein strukturelles Problem ist, ist in Deutschland vielen nicht bewusst. Es sind nicht nur böse Menschen, die sich rassistisch äußern und handeln. Wir alle sind manchmal rassistisch – bewusst oder unbewusst.

Wer etwas dagegen unternehmen möchte, fängt deshalb am besten bei sich selbst an. Auf dem festival contre le racisme möchten wir erste Informationsmöglichkeiten bieten und Betroffenen eine Bühne geben, um ihre Erlebnisse zu schildern. Das Festival will einen Beitrag zu einer offeneren Gesellschaft leisten, in der alle Menschen gleichberechtigt miteinander leben können.

Das festival contre le racisme in Heidelberg steht in Verbindung mit der bundesweiten dezentralen Kampagne unter der Leitung des freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften (fzs). Mehr Informationen dazu unter: www.contre-le-racisme.de. Es wird von Studierenden verschiedener Gruppen, die rassismuskritisch arbeiten, nun zum neunten Mal ehrenamtlich organisiert.